Blogwichteln – „meine liebe,“ von Ulrich Zieger

Blogwichteln – „meine liebe,“ von Ulrich Zieger
Dr. Hanne Tyslik
Dr. Hanne Tyslik

Wie am Montag schon angekündigt, hat Hanne Tyslik beim Blogwichteln für die Kölner Leselust was zu “Hauptsache Lyrik” mitgebracht. Einen modernen Dichter, den ich bisher nicht kannte und gleich die Interpretation zu einem seiner Gedichte. Herzlichen Dank, liebe Hanne!

Ulrich Zieger ist nicht jedem ein Begriff. Das ist aber kein Grund, sich nicht mit dem Werk eines solch faszinierenden Schriftstellers auseinanderzusetzen. Im Gegenteil. Gerade weil sein literarisches Werk von der breiten Öffentlichkeit bislang kaum rezipiert wurde, lohnt es sich, es näher in Augenschein zu nehmen. Das, wie ich finde, etwas zugänglichere Gedicht „meine liebe,“ erscheint mir geeignet, eine solche literarische Auseinandersetzung, in kleinem Rahmen natürlich, einzuleiten.

Zum Autor Ulrich Zieger

Ulrich Zieger wurde 1961 im sächsischen Döbeln geboren und wuchs in Magdeburg auf. Nach Zwischenstationen am Prenzlauer Berg und in den USA ließ er sich im südfranzösischen Montepllier nieder. Er verfasste neben Prosa und Lyrik auch eine Reihe von Theaterstücken

1998 entwarf er als Co-Autor das Drehbuch zu Wim Wenders Film „In weiter Ferne, so nah!“, der 1993 bei den Filmfestspielen in Cannes ausgezeichnet wurde. Nach fast fünfzehn Jahren des Schweigens kehrte er mit dem Lyrikband „Aufwartungen im Gehäus“, dem vorliegendes Gedicht entstammt, auf die literarische Bühne zurück.

Von vielen Schriftstellerkollegen, aber auch von der Kritik wurde Ulrich Zieger als herausragender, „kühner“ Schriftsteller gewürdigt. Sein literarisches Werk wurde mehrfach ausgezeichnet. Für seinen ersten Gedichtband „Neunzehnhundertfünfundsechzig“, der als „einer der wichtigsten Lyrikbände der letzten Jahre“ (Dieter M. Gräf) und ein Versprechen auf eine Dichtkunst von suggestiver Schönheit “ (Michael Braun) bezeichnet wurde, erhielt er den Nicolas-Born-Preis. Es folgten weitere Auszeichnungen. Thomas Kunst bezeichnet ihn als den „wichtigsten, intensivsten, magischsten und sprachmächtigsten Dichter der Gegenwart“. Ulrich Zieger starb am 23. Juli 2015 im Alter von nur 53 Jahren an seinem Wohnort Montpellier.

Exzessive Sinnenfreude

Seit eh und je von Dichtern und Denkern besungen, die sich ihr mit der Intensität des Wortes zu nähern versuchen, klingt sie schon im Titel an: die Liebe, Urgefühl des Menschen. Ulrich Zieger thematisiert sie auf ganz eigene Weise.Ulrich Zieger "meine liebe" Text zur Interpretation von Hanne tyslik fürs Blogwichteln

In der ersten Strophe des in freien Rhythmen abgefassten Gedichts dominiert das Sinnlich-Triebhafte. In überhitzten poetischen Bildern wird sinnenkräftige Fülle, dionysische Lebenslust evoziert. Es fließt der Wein direkt in den Mund („in den becher der lippen zuerst fließen musste der wein“), dann auf Kinn und Brust, die „vor nässe triefen, bevor man den mund auftut“. Bevor sich die beiden Protagonisten also auf sprachlicher Ebene begegnen, nähern sie sich auf andere Weise. Der Alkohol hat dabei eine enthemmende Wirkung. Doch ist er auch und vor allem Sucht, Zwang. (Von Ulrich Zieger ist bekannt, dass er schon früh dem Alkohol verfiel, wobei hier von einer Gleichsetzung Lyriker – lyrisches Ich abzusehen ist.) Darauf deutet das im ersten und dritten Vers auftauchende, im zweiten mitschwingende Verb „musste“, das in seiner Häufung und im Zusammenspiel mit „fließen“, „triefen“, „auftun“ dem ersten Dreizeiler seinen Stempel aufdrückt: den Sinnenrausch, die flimmernde leidenschaftliche Erregung, das Ausschweifende, Enthemmte, Maßlose, das, was an Unkontrollierbarem das Bewusstsein untergräbt: „flimmernd musste die hitze geworden sein“. Sprachlich findet dies seinen Niederschlag in einem erotisch stark aufgeladenen Vokabular („liebe“, „lippen“, „fließen“, „brust“, „nässe“, „triefen“, „mund“, „flimmernd“, „hitze“, „ofen“).

Ein „misslungener kosmos der nähe“

Die verzehrende Unruhe der Leidenschaft macht im nächsten Dreizeiler sinnlich-erotischem Wohlbehagen Platz: „mit geschlossenen augen, die hand auf der haut dieser frau“. Die Bewegung erfährt, wie nach vollzogenem Liebesakt, eine langsame Abwärtsbewegung und macht Bildern Platz, die einen Alltag heraufbeschwören, der voller Leichtigkeit erlebt wird: „zigaretten, spaziergang im viertel, den abend auf einer terasse“.

Doch die Harmonie trügt, zumindest ist sie nicht von Dauer. Denn die Liebe zu „dieser Frau“ vergeht, ohne dass sie Erfüllung findet: „so verging meine liebe“. Wie ein heißer Sommer. Ohne Konsequenzen zu zeitigen. Aber auch ohne Spuren zu hinterlassen? Das wohl nicht, denn im Schlussvers bekommt der Leser Empfindungen des lyrischen Sprechers zu spüren, die aufhorchen lassen. Ist es Trauer über die nichtgeglückte Liebe? Oder Wut? Gar Zorn? Vielleicht! Zumindest scheint in diesem Vers Bitterkeit mitzuschwingen oder aber ein unterschwelliger, abgründiger Sarkasmus, der sich in der irritierenden Aneinanderreihung zweier adversativer Adjektive Bahn bricht: „so verging meine liebe, die hohe, die lohe.“

Die „hohe“ Liebe wird in einem Gestus der Distanzierung zu „lohem“ körperlichen Begehren herabgewürdigt. Damit wird ein Kreis geschlossen: Das Wort „liebe“ umhüllt wie ein unsichtbares Band die Komposition, indem es die Überschrift mit dem letzten Vers verbindet. (Somit findet zumindest optisch eine Vereinigung statt.) Zugleich kündigt sich hier eines der Motive an, die Ziegers Lyrik bestimmen: der „misslungene kosmos der nähe“, der sich nach Peter Böthig „in der Stimmung und ihren jähen Brüchen darstellt“.

Somit beschwört das Gedicht durch die vorgegebene Fallhöhe Versagen und misslungene Intensität herauf. Es ist, um es mit dem Autor selbst zu sagen, der sich über den Gedichtband „Aufwartungen im Gehäus“ äußert, „eine Idee von sprachlichem Rückblick auf geglückte unglückliche Lieben“. Ein Rückblick auf etwas Unverwirklichtes also. Ja, dem kann man unumwunden zustimmen! Doch fährt der Dichter fort und bezeichnet das Ergebnis als „erfreulicherweise weit entfernt von solchen Vorstellungen des Erliegens: Denn Jahre vergehen und Dinge geschehen, wir kommen, wir gehen, wir bleiben nicht stehen.“

Das ist doch eine versöhnliche Aussage, mit der ich guten Gewissens die Interpretation dieses bitter-schönen, etwas anderen Liebesgedichts abschließen möchte – verbunden mit dem Versprechen, dieser Interpretation weitere des vielversprechenden Autors in meinem Blog folgen zu lassen.

Dr. Hanne Tyslik ist Lektorin, die Texte zum Funkeln bringt – und Netzwerkkollegin aus dem Texttreff. Hier gibt es jedes Jahr rund um Weihnachten das Blogwichteln.

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